Homo Emori

Wir schreiben das Jahr 2019, der Herbst bricht über Deutschland herein und jener berüchtigte Marker, der Erdüberlastungstag, ab dem wir mehr Ressourcen verbrauchen, als die Erde nachbilden kann, ist seit gut zwei Monaten überschritten. Die Menschheit lebt auf Kredit, auch in dieser Hinsicht.

Wenn man sich den Aufruhr in den Quantitätsmedien, den Hype und den Hass um und gegen Greta Tunberg und die massenhaften alarmierenden Berichte zu diversen Klimastudien anschaut, möchte man meinen, dass es keine Anti-Atom-Kraftdemos in den 80ern, keine Ausgründung von Sea Shepherd und keinen resoluten und erfolgreichen Widerstand gegen FCKW und andere Chemikalien gegeben hat, welche von der Industrie seit Jahrzehnten fröhlich in die Luft geblasen und uns als Medikamente und Düngemittel verkauft werden. Man kommt sich gar vor, als wäre man soeben mittels einer brühend heißen CO2- Klima-Dusche aus dem seligen Wirtschaftswachstums- und Wohlstandstraum herausgerissen worden.

Plötzlich geht die Welt unter.

Was die Mayas mit ihren Kalendern nicht geschafft haben, verwirklicht nun die Smombie-Jugend. Zuweilen wirkt es, als hätten die Gruppierungen um Friday for Future die Empörung erfunden. Und vielleicht ist das auch so. Leider zu spät.
Bereits vor fünfundzwanzig Jahren hat ein Zusammenschluss aus weltweit führenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern (gender-kurz-korrekt: Wissenschaftli) einen öffentlichen Brief basierend auf den damals aktuellen Forschungsergebnissen formuliert, in dem sie die dringende Notwendigkeit zum Schutz unserer Umwelt inklusive des Klimas gefordert und allen Regierungen geraten haben, umgehend – die Betonung lieht dabei auf umgehend!!! – Maßnahmen einzuleiten. Damals war es fünf vor Zwölf.
Und nun, bald drei Jahrzehnte und wie viele Klimakonferenzen später?

Da schreiben dieselben oder zumindest ähnliche Wissenschaftli wieder einen Brief, wieder anhand aktueller Forschungsergebnisse und – man höre und staune! – es hat Mitternacht geschlagen. Der Tag ist rum, der Geist der Untergangs ist erwacht und spukt nun über den Planeten, das Klima ist außer Rand und Band, unaufhörlich treibt uns das Treibhausgas in Richtung Abgrund. Es wird wärmer, es wir extremer, sowohl klimatechnisch als auch sozial.

Wenige vergegenwärtigen sich im Rausch des Aufbegehrens noch, dass das Klima weitestgehend dem menschlichen Denken und Messen entspricht oder um es mit Wikipedias Worten zu sagen „Der ermittelte Durchschnitt der dynamischen Prozesse in der Atmosphäre, bezogen auf einen Ort oder auf eine Region, einschließlich aller Schwankungen im Jahresverlauf.

Die Erde ist ein in sich perfektes dynamisch-chaotisches System, das seit vielen Jahrmillionen besteht, das Klima ist immer richtig, alles balanciert sich gegenseitig aus – dabei wird es mal wärmer und mal kälter, dabei gibt es mal mehr Säugetiere und mal weniger, mal mehr Dinos und mal weniger. Keine dieser Spezies hat sich je in Klimaangelegenheiten ergangen. Sie waren einfach immer alle Teil der Bewegung zwischen verschiedenen Extremen.
Ich vermute, dass der Sapiens lediglich deshalb am Klima, das er aus seinen Daten, Hochrechnungen, Eisbohrkernen und Modellen erstehen hat lassen, interessiert ist, weil der Sapiens gemäß seines Namens erkannt hat, dass ihm dieses Klima nicht bekommt oder nicht mehr bekommt und dass seine Zeit sich einem Ende neigt.

Wir haben keine Klimakrise, wir haben eine Habitatskrise, aber dass kann man unter den gegebenen Umständen nicht gut verkaufen. Das Klima ist riesig, schwer kalkulierbar und im Grunde recht abstrakt – perfekt für eine Parole. Klima schafft Klima, dass eine wie das andere eine Wirkgröße im globalen Wetter- und Weltgeschehen. Ersteres zudem ein abstrahiertes Berechnungsmodell, auf das man schreiend mit dem Finger zeigen kann, um von der Habitaskrise abzulenken, die uns ohne Gnade heimsucht. Die Umwelt im Ganzen ist hinter dem CO2-Slogans in den Hintergrund gerutscht, sodass sich das kritische Interesse für Siliziumgewinnungsfarmen, die sich Quadratkilometer um Quadratkilometer in die unberührten Ökosysteme Chiles fressen, gelinde gesagt in Grenzen hält. Das meteorologische Klima ist eine solche Walze im Bewusstsein vieler Menschen geworden, dass sich ältere Damen über den Kamin der Nachbarn echauffieren, nicht nur wegen des Geruchs, nein, sondern wegen des CO2, das beim Verbrennen von Holz freigesetzt wird. Das stimmt physikalisch gesehen natürlich, dennoch wage ich anzuzweifeln, dass genug Platz für die Reihe an Nullen ist, um sie in eine Zeile dieses Textes zu bekommen, um darstellen zu können, was diese paar Scheite im Kamin des Nachbarn prozentual am weltweiten CO2-Ausstoß ausmachen. Wer seine Zeit anstatt mit der Emission von Schimpftiraden ins Sozialklima mit Recherchieren zubringt, findet mit geringfügigem Aufwand heraus, dass die 15 größten Containerschiffe genau so viel Emissionen ausstoßen wie aller Autoverkehr auf dem Planeten zusammengerechnet. Und nein, das soll keine Plädoyer für mehr oder weniger Autofahren sein. Ich möchte nur, dass Sapiens sich gerecht wird. Wir haben eine Habitatskrise, nicht wegen des steigenden CO2-Gehalts in der Atmosphäre, sondern mit steigendem CO2-Gehalts in der Atmosphäre. Die Ökosysteme, in welchen Sapiens sich angesiedelt hatte, brechen weg, aber wir fahren jetzt elektrisch, denn das ist die Lösung gegen Treibhausgase. E-Mobilität ist leise, sauber und gut. Genau wie Emissionsausgleich bei Shoppingausflügen mit einer Billigairline und die Ernährung ohne Tierprodukte.
Mir scheint, dass sämtliche neo-ideologischen Verhaltenskodizes Erscheinungen sind, die vom brachialen Endkampf zeugen, in dem sich unsere Spezies befindet. Sie dienen unserer übersättigten konsumtauben Gesellschaft als strikte Besänftigungsmaßnahmen für das Brüllen unserer Gewissen, denn während wir uns im Internet gegenseitig gewaltsamen Meinungsaustausch über die richtigen Ernährungsweisen angedeihen lassen, sterben Menschen konkret an den Folgen dessen, was die Nichtaufnahme von Sojaprodukten oder Hühnerschenkeln bedeutet.

Ein stilles Sterben, das sich seit Jahrzehnten bestürzter Hinnahme erfreut, denn wir akzeptieren, dass die entfesselte Markwirtschaft sich keinen moralischen Geboten beugt. Zoomt man den Sachverhalt jedoch heraus aus dem Fokus neoliberaler Wirtschaftsdynamik und menschlichen Moralvorstellungen, dann reduziert sich alles – einfach alles! – auf Leben und Sterben. Sein oder nicht sein, das ist tatsächlich die einzigste Frage.

Die tief in unseren Zellen eingepflanzte Triebkraft der Evolution muss uns vorschreiben, uns damit abzufinden, dass es besser die anderen erwischt als uns. Überleben ist nicht moralisch. Evolution kennt keine Menschenrechte, nur Menschen kennen Menschenrechte, zumindest haben sie diese einst aufgeschrieben als intellektuelles Bollwerk gegen die eigenen Triebe, die ihnen von der Evolution verliehen wurden. Der Sapiens ist eines ihrer Werke, das sie nicht mehr oder weniger liebt als alle anderen Geschöpfe und Organismen, die aktuell scharenweise in den Kratern unserer ökologischen Fußabdrücken untergehen; zerquetscht werden von den Sohlen des Wachstumsgiganten der freien Markwirtschaft, die uns nach wie vor als Allheilmittel für die Habitatskrise angepriesen wird. Allein das Artensterben ist der Beweis für die Nichtexistenz eines moralischen oder zumindest interessierten Gottes. Die allgegenwärtige Triebkraft des Fortbestehens – um das Wort Evolution einmal aus seinem engen dogmatischen Korsett zu lösen – hingegen wirkt ohne Skrupel. Sie wirkt morgens beim ersten wachen Atemzug, wirkt beim Biss in die Stulle, beim Heranschaffen des Geldes für die Stulle, beim wirtschaftlichen Abwägen von Sparmaßnahmen beim Einkaufen der Stulle, ob diese aus subventioniertem Billig-Gen-Weizen hergestellt wurde oder mehr oder minder bäuerlich-biologisch-traditionell.

Trotz Wirtschaftswachstum fällt es vielen Menschen in Deutschland schwer, den Euro mehr für die sozial und ökologisch verträgliche Stullenvariante zu entbehren, weil eine beträchtlicher Anteil der deutschen Sapiens nur schwer über die Runden kommt.

Ja, die Welt ist verflochten und sie ist trotz Globalisierung unüberschaubar geworden.
Sapiens hat ein System geschaffen, das ihn töten, obwohl er meist nur an sich selbst denkt, wenn er vor dem Stullenregal steht.

Wir befinden uns in einem Zustand der Selbstverspeisung, den zu Stoppen bedeutet, dass wir verhungern, obwohl ursprünglich alles, was wir brauchen, wohlwollend von der wunderbaren Erde zur Verfügung gestellt wurde.

Wenn ich mir die Evolution als Entität vorstelle, wäre sie eine Köchin, nachdenklich überrascht über den Kochtopf mit der Erdenkreation gebeugt und würde beobachten, wie sich die Bestandteile darin aufzehren. Eine Prise todbringender Virus könnte die Lösung sein, aber es sieht doch mehr danach aus, als müssten wir jene Transmutation zu ende durchlaufen. Vom Homo Sapiens zum Homo Emori. Eine fragliche Karriere, wohl aber eine Karriere: Von Höhlenbewohnern zu Experten und Filmemachern, die eine Mondlandung und eine Marslandung schufen, von Fruchtbarkeitsriten zum Mamonglauben; Zweibeiner, die ihr Seelenheil dem Tilgen exponentiell wachsender Schulden anvertraut haben, von einfachen Jägern und Sammler zu Molekularbiologen, welche Pflanzen ihren eigenen Ernährungs- und Gewinnbedürfnissen anzupassen vermochten, und alle Mitesser und Fressfeinde mit Giften und Waffen in ihre Schranken weisen konnten.

Nun kehrt der Boomerang zurück. Es ist der Evolution zu eigen, das sie ihren Kochtopf sehr genau kennt, jede Komponente ist über Milliarden Äonen erprobt und keiner mag mit Bestimmtheit sagen, wie viele Szenarien des Überkochens sie bereits miterlebt hat.

Angemessen wäre es, diesen Umstand ohne Petitionen und Amokläufe hinzunehmen. Dazu hatten wir seit dem ersten Gongschlag Zeit. Doch wir haben sie verdaddelt im Einkaufcenter und beim Durchsurfen nie gekannter Ablenkungsdimensionen im Internet. Wir haben unsere äußere Hirnrinde zugeramscht mit kruden Ideen von einer neuen und besseren weil digitalen Welt, ohne diese wirklich bis zu Ende zu denken. Digitalität bedarf abgesehen von Abnehmern vor allem des Stromes und zur Erzeugung dieses Stromes stehen nur endliche Ressourcen zur Verfügung. Lass das Öl noch hundert Jahre reichen, noch dreihundert und dann? Irgendwann geht der Rechner nicht mehr an egal wie digital wir sind. Jedes Bit und Byte ist nur so lange real, wie es eine Versorgung gibt, aber Ressourcen lassen sich mit keiner App herbei klicken – die Gleichung aus Fortschritt und Nichtnachhaltigkeit geht schlicht nicht auf.

Digitale Datenströme machen den Menschen nicht zum Menschen. Wir selbst nur können das vollbringen, indem wir beispielweise Würde bewahren gegenüber dem Erschaffenen, unserem selbst designten Ticket in die Auslöschung. Würdevoll abtreten wie das Orchester auf der Titanic – spiel mir das Lied vom Tod – das wäre nicht nur menschlich sondern auch episch.

Und was wenn nicht der epische Moment kurz vor Schluss macht einen guten Film zu einem Kinohit? Die Ganze Sache ist nicht nur schlimm – im Gegenteil. Aussterben bedeutet einen ungeahnten Markt.

Warum bemüht sich die Wissenschaft nicht um bessere Modelle, richtig gute Prognosen für den glorreichen Abgesang einer Spezies, die es wider besseren Wissens nicht geschafft hat, das Riff zu umschiffen, das ihr angekündigt wurde.

Für alle, die es verstörend finden, bewusst in ein Messer zu laufen, denen seien Selbsthilfegruppen mit erfahrenen japanischen Seppuku-Samurai ans Herz gelegt. Dem Immobilienmarkt würde der Untergang zumindest in Sachen Bunkerbau zu neuer Blüte gereichen, der gesamte Markt des Vermächtnismanagement müsste sich neu erfinden mit Arbeitsplätzen, politischen Programmen und allem, was sonst noch zur Dokumentation des menschlichen Schöpfens und Scheiterns sowohl auf privater als auch öffentlicher Seite dazugehört.

Man könnte auch die Todesstrafe wieder unbekümmert einführen, denn wenn am Schluss eh alle über die Klinge springen, sollte doch zumindest der Mehrheit der Likör der Genugtuung nicht verwehrt werden, den die gerechtfertigten Hinrichtungen von Ölkonzernchefi und korrupten Politi (gender-tender!) den Massen an Betroffenen bescheren würden, wenn sie erführen, dass die Ölindustrie seit über sechzig Jahren aufgrund eigener Studien von den klimaverändernden Eigenschaften einer CO2-aufgelandenen Atmosphäre wusste, noch lange bevor der Rat der Wissenschaftli den 5-vor-12-Gong betätigte. Zu deutsch: Sehr Wenigen war wohl bewusst, dass es für ganz viele ganz unangenehm und eventuell tödlich ausgehen würde, wenn sie sich persönlich an den Errungenschaften des Erdöls bereichern würden.

Psychologen mögen ergründen, was im Inneren eines dieser wenigen Menschen vorgegangen sein mag – oder womöglich nicht vorging, dass er sich zu einer solch weitreichenden Entscheidung hinreißen ließ. Keinen Psychologen braucht man hingegen, um festzustellen, dass sich die Zeit, das CO2, die Agrargifte, die Kernschmelzen und der Plastikmüll nicht zurückdrehen lassen.
Der Untergangsgeist klatscht uns einkalt ins Gesicht. Wir haben den Gong nicht ernst genommen. Wir wagten zu handeln, als befänden wir außerhalb der natürlichen Befehlskette der Evolution, außerhalb ewig gültiger Prinzipen des Ausgleichs – eine Spezies, die ihr Habitat zerstört, hat kein Habitat mehr – trotz Marsbesiedelungsblockbustern und Nanotechnologie.

Wie man es wendet, man kommt stets auf die Würde zurück, als einzigstes, was bleibt.
Es gilt, dieses letzte Kapitel würdig durchzustehen.

Lasst uns monolithische Stehlen errichten, auf jedem Gipfel, der Aussichten hat, nicht von den steigenden Meeren und Ozeanen überschwemmt zu werden. Und in diesen Stehlen lasst uns unsere Geschichte mit unserm Werden und Vergehen eingravieren für irgendwen oder irgendwas, das irgendwann nach uns kommt. Und nein, man muss Stein nicht in Plastik verpacken, erwiesener Maßen sind behauene Steine das, was am Längsten bestehen wird auf der Erde – weit weit vor Metall, Teflon und Plastiktüten.

Um der Mainstreamgeschichtsschreibungspropagandaagenda entgegenzuwirken, sollte jede Familie ihre eigene Stehle errichten, mit ihrer eigenen Version der Erdgeschichte, mit ihren eigenen zentralen Ideen und Ansichten über das, was geschehen sein wird.
Spielt ja keine Rolle, ob sich das alles widerspricht, wenn sich andere die Köpfe rauchig denken müssen ob der Widersprüche und der gemeißelten Wirren. Nach uns die Nächsten. Wir sind dann ausgestorben, fuck it. Bei sieben bis acht Milliarden Menschen werden das eine Menge Stehlen sein, die sich den Sternen entgegenstrecken. Ein globales Schutzschild, ein Stachelpanzer gegen erneute Verrohung, Verdummung und Verseuchung. Sollten wir es nicht schaffen, uns dieses letzte Denkmal zu setzen, und sollten uns wie auch immer geartete Alien-Archäologen eines Tages ausbuddeln, uns und das, was von unserem Zeitalter der Polymere übrig geblieben sein wird in Form einer dünnen Schicht aus künstlichen Molekülen, die sich zwischen den anderen Sedimenten entlang zieht, dann werden sie womöglich noch skurrilere Thesen zu dem entwickeln, was unsere Spezies war und wie unsere Kulturen aussahen; skurriler, als das, was wir uns zu den vorangegangenen Zivilisation auf diesem Planten zusammengereimt haben. Ohne Fragen werden wir mit oder ohne Vermächtnis zu einem Pünktchen auf der gewaltigen Zeitachse der Evolution in diesem Quadranten des Universums, keine nennenswerte Hinterlassenschaft, kein Erbe auf Jahrmillionen. Einfach unbedeutend trotz Mondfahrt, Superheldenblockbustern, Nobelpreisträgern und Niederschriften wie dieser. Einfach gegangen, dahingerafft durch unser ureigenes Unvermögen – Homo Emori. Tja. Das einzig tröstliche scheint wohl die Idee, dass Aussterben aus kosmischer Sicht nichts gravierendes ist. Alles kommt, alles geht.

Leider bleibt damit kein erheiterndes, Hoffnung stiftendes Ende für diesen Aufsatz. Trotzdem: Wohl bekomm’s!

Ich schrieb diesen Artikel vor dem Ausbruch von Corona, wobei ich nicht glaube, dass sich die Husti-DNA als der Killervirus erwesien wird, von dem ich am Anfang des Textes spreche.